Spekulation um WM-Kader: Zehn Nationalspieler dürfen hoffen und zwölf müssen zittern
Bis Ende Mai hat Bundestrainer Nagelsmann jetzt Zeit, um seine Nationalspieler auf WM-Tauglichkeit auszuprobieren. Seine Streichliste ist durchaus prominent besetzt

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Beim 6:0 gegen die Slowakei gab es zwischen Bundestrainer Julian Nagelsmann und seinem Kapitän Joshua Kimmich diesen einen kleinen Moment, der ihr Verhältnis in aller Öffentlichkeit offenlegte. Als Kimmich ausgewechselt wurde, umarmten sie sich einen Sekundenbruchteil länger als üblich. Wie zwei Brüder im Geiste, die ihre gemeinsame Mission erfolgreich abgeschlossen haben – die WM-Qualifikation für 2026.
Die Bro-Geste an der Trainerbank verrät vielleicht das Erfolgsgeheimnis der deutschen Nationalmannschaft. Kimmich ist nicht nur ein Kapitän, der vorm Anpfiff die Seitenwahl klärt und während eines Länderspiels den Schiedsrichter ins Achtung stellt. Er ist Nagelsmanns rechte Hand. Mit einer spektakulären Grätsche am Spielfeldrand hatte er in Leipzig dessen Vorgabe demonstriert: Wir kämpfen hier um jeden Zentimeter.
Wie viel Einfluss hat Kimmich auf den WM-Kader?
Ich wage sogar die Behauptung: Kimmich darf bei der Frage mitreden, wer zur WM 2026 mitfährt. Die Auswahl an Nationalspielern ist groß, die Zahl der Mitfahrgelegenheiten kleiner: 46 Nationalspieler hat Nagelsmann seit Amtsanritt vor zwei Jahren nominiert – aber nur 26 dürfen mit, darunter mindestens drei Torhüter. Dass große Namen ihn nicht beeindrucken, hat er bewiesen: Zur EM 2024 sortierte er die Bayern-Stars Leon Goretzka und Serge Gnabry aus.
Das ist bei den beiden jetzt anders. Stand heute ist, das ist die gute Nachricht: Der halbe WM-Kader steht schon – und Goretzka und Gnabry sind dabei. In Zahlen: 13 Nationalspieler sind gesetzt und 3 weitere, wenn sie rechtzeitig fit sind. Die schlechte Nachricht ist: Der halbe WM-Kader steht noch nicht – und prominente Nationalspieler bangen um ihren Karriere-Höhepunkt. In Zahlen: 10 dürfen hoffen und 12 müssen zittern.
WM-Kader: Diese 13 Nationalspieler sind gesetzt
An Torwart Oliver Baumann führt kein Weg vorbei. Er hat in den letzten vier WM-Qualifikationsspielen viermal die Null gehalten – das ist Qualitätsbeweis genug. Und Alex Nübel hat sich als Ersatzmann bewährt. In der Innenverteidigung konnten Jonathan Tah als Ersatzkapitän und Nico Schlotterbeck als Aufbauspieler punkten und bilden mit Antonio Rüdiger den etatmäßigen Abwehrblock. Inzwischen hat sich David Raum auf der linken Seite durchgesetzt wie Joshua Kimmich auf der rechten Seite. Die Verteidigung steht.
Im Mittelfeld bilden Leon Goretzka und Aleksandar Pavlovic das Herzstück im defensiven Bereich. Offensiv kann Nagelsmann nicht anders: Florian Wirtz und Jamal Musiala sind die kreativsten Köpfe vorne, Serge Gnabry als Allzweckwaffe ihr Back-Up. Seit seinen Toren gegen Nordirland, Luxemburg und die Slowakei die Nummer 1 im Sturm: Nick Woltemade, der wie Gnabry vielseitig einsetzbar ist. Ihr Stammplatz in der Startelf hängt davon ab, ob und wie schnell die Dauerverletzten in Form kommen.
Auf diese 4 warten wir
Ob Torwart Marc-André ter Stegen sein erstes großes Turnier als Nummer 1 bestreiten darf, hängt von drei Faktoren ab: Er muss seine Rückenprobleme überwinden, regelmäßig im Verein spielen und deutlich besser sein als Baumann. Als Ersatzmann braucht Nagelsmann ihn nicht. Mittelstürmer Tim Kleindienst fehlt seit Monaten, aber ist gesetzt, wenn er wieder Tore in Gladbach schießt. Ebenso haben Benjamin Henrichs als Flügelmann und Kai Havertz im Angriff einen Freifahrtschein – sie müssen halt fit werden.
Diese 10 dürfen hoffen
Es gibt in jedem Kader Nachrücker, die sofort Leistung bringen. Dazu gehören Waldemar Anton und Ridle Baku in der Abwehrkette, Felix Nmecha und Nadiem Amiri im Mittelfeld. Auch bei Malick Thiaw (Verteidiger) und Karim Adeyemi (Angriff) weiß man, was man hat. Die Neulinge Assan Ouédraogo und Nathaniel Brown konnten bei ihren Kurzeinsätzen punkten und könnten eine Wild Card bekommen, um mit ihnen den Generationswechsel sichtbar zu machen.
Leroy Sané darf nach seinem erfolgreichen Comeback im DFB-Trikot wieder hoffen. Er hat die Warnung des Bundestrainers verstanden und mit zwei Toren und zwei Vorlagen in den beiden Länderspielen endlich gezeigt, was er kann. Gesetzt ist er trotzdem nicht: Zu oft hat er nach guten Leistungen enttäuscht. Hoffen darf Torwart-Legende Manuel Neuer aus einem ganz anderen Grund: Wenn Baumann unerwartete Schwächen zeigt und ter Stegen abfällt, stünde er mit dann 40 Jahren Gewehr bei Fuß.
Diese 12 müssen zittern
Said El Mala mag beim 1. FC Köln die Fans begeistern. Mit dessen Abkommandierung zur U21-Nationalelf hat der Bundestrainer klar gemacht: Er ist noch nicht so weit – andere Jungstars sind reifer. Es ist unklar, ob Nagelsmann auch so über Torwart Noah Atubolu und U21-Kapitän Tom Bischof denkt. Ihre Zeit kommt vermutlich später. Die Zitterpartie betrifft die Prominenz im erweiterten Kader. Zum Beispiel die drei EM-Stars Robert Andrich sowie die Stuttgarter Chris Führich und Maximilian Mittelstädt.
Ihre Nichtberücksichtigung in der entscheidenden Phase der WM-Qualifikation ist ein Zeichen wie bei den ebenso aussortierten Angelo Stiller und Maximilian Beier: Ich rechne nicht mit euch. Das kann, siehe Sané, nur ein Zwischenstand sein. Nagelsmann revidiert Entscheidungen auch. Aber zittern müssen sie wie die zuletzt angeschlagenen Stürmer Niclas Füllkrug und Deniz Undav, die den Anschluss verloren zu haben sein. Auch die Frankfurter Johnny Burghardt und Robin Koch müssen noch Überzeugungsarbeit leisten.
Bundestrainer Julian Nagelsmann hat jetzt vier Monate Zeit bis zum nächsten Länderspiel (am 30. März gegen die Elfenbeinküste), um die heiße Phase der WM-Vorbereitung zu planen. Weitere Testspiele, zum Beispiel gegen Finnland sowie vermutlich die Schweiz und die USA, sollen Gewissheit über die WM-Tauglichkeit der Nationalspieler bringen. Das Gerüst der neuen Nationalmannschaft zeigt Umrisse. Immerhin – aber auch nicht mehr. Kimmich wird ihm sicherlich helfen.



