Aus für den Kölner Keller! Verdammt, ich vermisse ihn jetzt schon

Spätestens 2027 bekommen die Video-Schiedsrichter eine neues Zuhause auf dem DFB-Campus in Frankfurt. Daran muss man sich erst noch gewöhnen

|12. Dezember 2025|
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imago images / Martin Hoffmann

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Inzwischen ist nicht mehr ganz klar, wer berühmter ist: der Kölner Dom oder doch der Kölner Keller. Die Video-Schiedsrichter haben immer leichtes Spiel, um von ihrem angeblichen Verlies im Stadtteil Deutz Schlagzeilen in ganz Deutschland zu produzieren. Sobald ihnen am Monitor Verdächtiges auf den Rasenflächen der ersten und zweiten Liga auffällt, reicht die Intervention per Funkkontakt: Der Schiedsrichterkollege im Stadion unterbricht mit eckiger Geste das Spielgeschehen, rennt im Notfall zur Außenlinie, um die Superzeitlupe von der umstrittenen Szene nicht zu verpassen, und darf dann auf Ratschlag aus dem Kölner Keller Fankurven und Ehrentribünen vom Gegenteil seiner vorherigen Meinung überzeugen.

Zum Mythos des Videobeweises trug nicht nur der neue Fachbegriff „VAR“ bei, sondern eben auch der Kölner Keller. Mir kommt die Ortsbezeichnung der Schaltzentrale, wo die Drähte aus allen Spielorten zusammenlaufen, manchmal wie ein Hort verbotenen Glücksspiels vor: Nie weiß man, welchen Einfluss der jeweilige Video-Assistant-Referee tatsächlich nimmt, man kann die Schuld nur immer leichten Herzens einer undurchsichtigen Hinterzimmerpolitik zuschieben. Es reichen drei Zauberwörter: „der Kölner Keller“. Und alle ahnen, dass hier Ungeheuerliches im Gange ist und man sowieso keinen Einfluss hat. Der Kölner Keller steht bei uns Besserwissern sogar in der Kritik, wenn er alles richtig entschieden hat.

Doch nun ist alles aus. Zehn Jahre nach Inbetriebnahme im Cologne Broadcasting Center wird der Kölner Keller 2027 schließen. Der DFB hat dem Wunsch seiner Schiedsrichter entsprochen und zieht mit der VAR-Technik auf den verbandseigenen Campus in Frankfurt/Main um. Wir werden uns daran gewöhnen müssen: Der deutsche Fußball verliert seinen nächsten Fachbegriff wie einst „Libero“ und „Vorstopper“, „Linienrichter“ und „Bomber der Nation. Leider ist „der Frankfurter Campus“ kein Substitut. Wie das schon klingt: Campus. Man denkt dann wahlweise an Studentenunruhen oder Matcha Latte, aber eben nicht an Schiedsrichterei und Videobeweis. Aber der Kölner Dom hat alle Fürbitten abgelehnt.

Ein bisschen schuldig fühle ich mich deswegen schon. Wie oft habe ich über den Kölner Keller geschimpft, weil ich dort die Geburtsstätte des modernen Fußballs vermutet habe. Die ständigen Spielunterbrechungen, die Millimeterarbeit bei jeder Abseitsstellung, die kalibrierten Linien, der Griff der Schiedsrichter ans Ohr, zuletzt die Schiri-Ansagen auf der Spielfeld: Das alles brauchte ich nicht, weil ich das Unperfekte am Fußball ja so liebte. Mir kam der Schiedsrichter, den ich als Kind nach Belieben und ungestraft als „Schwarze Sau“ beschimpfen konnte, wie eine Marionette vor. Ich hatte den Kölner Keller im Verdache, dass er unser Spiel unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit fernsteuern wollte.

Alles Quatsch, schon klar. Aber so denkt man als Fußballfan, wenn man Entscheidungen aus dem dunklen Nirgendwo vor den Latz geknallt bekommt. Als mir Hellmut Krug 2016/17 den Videobeweis in der Theorie erklärte, war ich Feuer und Flamme für die Weiterentwicklung des Fußballs. Nur bestand der VAR bei mir den Praxistest nicht. Die Schiedsrichter selbst wollte ich deswegen nicht beschimpfen, denn: Das sind wirklich nette Kerle und geben ihr Bestes, das schreibe ich aus Überzeugung! Der Begriff „Kölner Keller“ war mein Ventil, um Luft abzulassen, ohne die Schiri-Zunft in Grund und Boden zu stampfen. Verdammt, nun nimmt man mir das rhetorische Spielzeug auch noch weg. Ich geb’s ja zu: Ich werde den Kölner Keller vermissen.